Mittwoch, 13. April 2016

Rezension | "Biss in alle Ewigkeit" von Stephenie Meyer

Carlsen | Hardcover | 450 Seiten | 06. Oktober 2015 | 978-3551585004
Originaltitel: Life and Death. Twilight Reimagined (2015)

"Ich war nahe daran, [...] auf die Knie zu sinken. Dies war die Art von Schönheit, der man huldigte, der man Tempel errichtete und Opfer darbrachte." // Seite 241

Diese Rezension ist lang und beschreibt die Unterschiede zum Original recht detailliert. Spoiler-Warnung :)

  
(Verlagsseite)

Beaufort Swans Leben ändert sich von Grund auf, als er der geheimnisvollen Edythe Cullen begegnet. Gerade erst ist er in die düstere Kleinstadt Forks gezogen und hätte nie gedacht, jemanden wie sie hier zu treffen. Edythes goldene Augen, ihre Haut wie Elfenbein und ihre übernatürlichen Fähigkeiten faszinieren ihn und ziehen ihn unwiderstehlich an.
Beaufort sucht ihre Nähe. Erst nach und nach begreift er, in welche Gefahr er sich damit begibt. Doch da ist es fast schon zu spät...

(Verlagsseite)

Phoenix, Arizona, ist die US-amerikanische Stadt, die ihren Fans sicher als erste einfällt: Hier lebt Stephenie Meyer seit ihrem 4. Lebensjahr, und auch Bella, die Heldin der "Bis(s)"-Romane, "wohnte" hier. Geboren wurde die Autorin jedoch in Connecticut (1973). Sie besuchte die Highschool und studierte englische Literatur. Ihre unglaubliche Karriere begann 2005 mit dem Erfolg von "Bis(s) zum Morgengrauen", es folgte Bestseller auf Bestseller. Privat liebt sie es unspektakulär: Ihren Mann Pancho kennt sie quasi aus dem Sandkasten, zusammen mit ihren Kindern führen die beiden ein normales Familienleben; oder besser: führten es. Denn irgendwie änderte sich doch alles, als Stephenie im Juni 2003 einen Traum träumte: den Traum, in dem ihr zum ersten Mal "ihre" Romanfiguren erschien...


Vorwort der Autorin
Prolog
24 Kapitel
Epilog
Nachwort

Beaufort/Beau ist der Ich-Erzähler.
Wendet man das Buch, kann man die ursprüngliche Geschichte ("Biss zum Morgengrauen") lesen. In dieser Ausgabe umfasst sie 393 Seiten.


Ich bin an "Biss in alle Ewigkeit" mit keinen beziehungsweise sehr niedrigen Erwartungen herangegangen. Ich hatte zuvor schon viele negative Meinungen gehört und ehrlich gesagt hatte ich auch nur vor, mich über das Buch zu amüsieren. In Anbetracht dessen muss ich sagen, dass meine Erwartungen übertroffen wurden. An sich war die Lektüre ganz angenehm und ich habe mich recht gut unterhalten gefühlt. Dies liegt allerdings hauptsächlich daran, dass ich die Handlung von Twilight trotz aller Probleme, die das Buch hat, ganz gerne mochte und die Geschichte der Neuerzählung sich zu großen Teilen überhaupt nicht davon unterscheidet. Einige Szenen wurden zwar ausgebaut und es gibt kleinere Veränderungen/Ergänzungen, doch ansonsten ist der Inhalt mehr oder weniger gleich. Deshalb habe ich versucht, "Biss in alle Ewigkeit" nur in Bezug auf den Geschlechtertausch zu bewerten... und hierbei ist meine Meinung leider nicht gerade positiv.

Im Vorwort führt Meyer aus, dass dieses Buch die Antwort auf die vielen Vorwürfe, dass Bella eine typische 'Jungfer in Nöten' sei, ist. Sie behauptet, dass eine Geschlechtsumwandlung nichts an der Geschichte geändert hätte und Bella ein Mensch in Nöten sei... und um dies zu beweisen, hat sie aus ihr Beaufort (kurz Beau) gemacht. Desweiteren behauptet Meyer, dass diese Umwandlung nur für 5-10% der Veränderungen in dieser Geschichte verantwortlich sei; den Rest habe sie überarbeitet, weil sie das schon lange tun wollte oder weil es Dinge waren, von denen sie sich wünscht, sie hätte sie damals so geschrieben. Ob dies die Wahrheit oder doch nur der Versuch ist, dem Vorwurf von Sexismus zu entgehen, sei dahin gestellt.

Zunächst ist es wichtig anzumerken, dass nicht nur das Geschlecht der Protagonisten, sondern auch das von fast allen Nebenfiguren geändert wurde, was durchaus Sinn ergibt (wobei ich es interessant gefunden hätte, wenn Beau von Jungs umschwärmt worden wäre...). Ein großer Kritikpunkt sind hier allerdings die Namen, die diese Figuren erhalten haben. Die Autorin hat versucht, die Anfangsbuchstaben beizubehalten, vermutlich zum leichteren Verständnis, aber die Namen klingen teilweise wie Fantasienamen. Besonders gewöhnungsbedürftig fand ich "Jessamine" (Jasper), aber die Namen der Cullens sollten altmodisch klingen, von daher lasse ich das durchgehen. Für "McKayla" (Mike) gibt es jedoch keine Entschuldigung. Laut google ist es ein richtiger Name, mir wäre es jedoch lieber gewesen, wenn Meyer etwas normaleres genommen hätte. Durch diese 'ungewöhnlichen' Namen habe ich eine Weile gebraucht, mich in die Geschichte einzulesen.
Die Charakterisierung der Figuren wurde großteils übernommen, wobei es durchaus (durch das Geschlecht bedingte?) Änderungen gibt. Besonders deutlich ist dies beim Protagonisten selbst. Zwar kocht er und kümmert sich um den Haushalt (was ich positiv erwähnen muss, ebenso wie die Tatsache, dass "Julie" (Jacob) nach wie vor Autos repariert), doch er steht nun auch auf Actionfilme und Superhelden und liest statt Austen ein Werk von Jules Verne, vermutlich um 'männlicher' zu wirken. Auch charakterlich gibt es zwar Ähnlichkeiten zu Bella - beispielsweise eine gewisse Zurückhaltung, dass er schnell rot wird (wobei es nicht so bezeichnet wird, stattdessen werden sein Gesicht und sein Hals fleckig), verantwortungsbewusst ist und Regen hasst -, aber auch große Unterschiede. So ist Beau zwar zurückhaltend und er sieht sich als normal und langweilig an, er ist aber dabei doch recht selbstbewusst und sagt sogar, dass er "ganz zufrieden" mit sich selbst ist. Bella schien sich selbst mehr abzuwerten, als er es tut und dies war eine dieser Aspekte, bei denen ich mich gefragt habe, ob die Änderung auf den Geschlechtertausch zurückzuführen ist oder nicht.
Insgesamt merkt man, dass die Autorin versucht hat, den Ich-Erzähler 'männlicher' klingen zu lassen; im Vorwort führt sie aus, dass Beau weniger blumig als Bella sei und dies trifft definitiv zu - er ist direkter und sarkastischer. Ob diese Darstellung aber für einen siebzehnjährigen Jungen realistisch ist, kann ich nicht beurteilen, wobei ich sagen muss, dass es mir teilweise ein bisschen klischeehaft vorkam.

Obwohl Beau der Ich-Erzähler ist muss ich sagen, dass er für mich ziemlich blass geblieben ist. Er ist nicht unsympathisch, aber trotzdem konnte ich nicht wirklich eine Verbindung zu ihm aufbauen... vielleicht, weil seine Gefühlswelt einfach nicht so intensiv ist wie die Bellas und Vergleiche sich geradezu aufdrängen. Wir erfahren einiges über Bellas Gefühle, gerade in Bezug auf Edward, den sie bis zur Selbstaufgabe liebt (was nicht unbedingt positiv ist). "Biss in alle Ewigkeit" dagegen lässt es teilweise so wirken, als würde Beau sich nur zu Edythe hingezogen fühlen, weil sie heiß ist - er scheint ihren Körper fast schon anzubeten, wie aus dem oben genannten Zitat ersichtlich wird. Zudem ist er ziemlich besitzergreifend. Diesen Aspekt finde ich irgendwie interessant... in "Twilight" kann man Edward ein sehr bestimmendes, teils kontrollierendes Verhalten vorwerfen. In diesem Buch ist Edythe zwar auch in der Position, dass sie Beau beobachtet, um ihn zu 'schützen', doch ihr Verhalten scheint um einiges heruntergeschraubt worden zu sein, während dafür Beau - wieder der Mann - besitzergreifendes Verhalten zeigt.
 Edythe war mir eigentlich sehr sympathisch. Sie ist ein interessanter Charakter, aber leider wirkt ihre Darstellung doch sehr typisch. In Szenen, in denen Edward aufgebracht und fast schon bedrohlich war, wurde sie eher traurig und niedergeschlagen. Natürlich ist sie ebenfalls wütend und sie hat definitiv Temperament, aber es gab einige Stellen, in denen sie um einiges sanfter ("weiblicher") reagierte. Natürlich lässt sich hier wieder argumentieren, dass Meyer sich vermutlich wünscht, sie hätte Edward so geschrieben, aber trotzdem fand ich es auffällig, wie sehr sie in die typische Rollenverteilung fällt. Gerade Beau sieht sie als verletzlich an und will sie dauernd beschützen, da sie wie eine kleine, "schwache" Frau aussieht und er darüber wohl nicht hinwegkommt, auch nachdem er weiß, dass sie ein Vampir ist. Es gibt hier ein paar gute Szenen, die das Muster unterbrechen; so bezahlt Edythe im Restaurant das Essen und als er sich beschwert sagt sie, er solle seine antiquierten Rollenvorstellungen loslassen, aber um ehrlich zu sein haben diese Momente sich angefühlt, als hätte die Autorin sie eingebaut um zu beweisen, wie fortschrittlich die Erzählung doch ist.

Auch andere Aspekte der Geschichte passen in diese typische Verteilung. So wird Beaus 'Ohnmacht' im Biologieunterricht viel mehr lächerlich gemacht als Bellas; sein Kumpel geht sofort davon aus, dass er und Edythe Sex hatten und als er erfährt, dass sie ihn nur nach Hause gebracht hat, bezeichnet er dies als "jämmerlichste Geschichte, die ich je gehört habe". Charlie ist stolz, dass sein Sohn so einen guten Fang gemacht hat, anstatt den besorgten Vater zu spielen. Beau hatte als Kind keine Tanzstunden, vermutlich, weil das zu weiblich wäre. Es wird betont, dass die Jungs "männlich" seien. Die ideale Frau ist dünn. Und so weiter und so fort.
Besonders auffällig fand ich, dass es keinerlei sexuelle Gewalt gibt. Royals (Rosalies) Hintergrundgeschichte wurde entsprechend geändert und auch die Szene in Port Angeles, als Beau/Bella gerettet werden muss, ist ganz anders. Während Bella ohne Grund (nur weil sie eine Frau ist) zum Opfer wird, gibt es bei Beau einen Grund und er soll auch nicht vergewaltigt, sondern erschossen werden. Einerseits finde ich das Fehlen von sexueller Gewalt sehr gut, andererseits ist das hier ganz offensichtlich ein Geschlechts-Unterschied. Sexuelle Gewalt gegen Frauen wird als fast normal dargestellt, gegen Männer kommt sie nicht vor. Außerdem hat mich sehr gestört, dass Meyer einen Grund dafür, dass Beau zum Opfer wird, konstruiert hat... es passt irgendwie nicht so ganz zu ihrer Behauptung, dass die Geschichte auch mit einem Geschlechtertausch noch die gleiche wäre, und es gibt noch ein paar weitere Szenen, wo dies der Fall ist, und andere funktionieren umgedreht einfach nicht wirklich. Wieder andere sind unfreiwillig komisch.

Was mich überrascht hat ist das Ende, das eine Alternative zu Twilight anbietet. Prinzipiell war dies für mich interessant, aber Meyer hat versucht, die komplette Hintergrundgeschichte der nächsten drei Bände in fünfzig Seiten  zu packen und das hat nicht wirklich funktioniert. Außerdem wirkte Beau auf mich ziemlich gefühlskalt. Die Idee fand ich ganz gut, aber die Umsetzung ist nicht wirklich gelungen.


Leider hat der Geschlechtertausch in "Biss in alle Ewigkeit" für mich nicht wirklich funktioniert. Edythe ist zwar sympathisch und Beau nicht unsympathisch, aber Meyer ist es nicht gelungen zu beweisen, dass die Geschichte mit umgedrehten Geschlechtern noch die gleiche wäre. Sie bedient immer noch die klassischen Rollenbilder (nur auf andere Art) und während Edythe weniger bestimmend ist, ist nun Beau ziemlich besitzergreifend. Zudem hat die Autorin meiner Meinung nach zu sehr versucht zu betonen, wie progressiv die Geschichte ist.
Da es aber ein paar wirklich gute Änderungen/Ergänzungen gab und ich gerade Edythe mochte, ist die Bewertung nicht allzu schlecht ausgefallen.

WERBUNG
Folgende Links kennzeichne ich gemäß § 2 Nr. 5 TMG als Werbung:
Interview mit der Autorin (englisch)
Deutsches Interview (kurz)
Liveberichterstattung zur Lektüre (englisch, Spoiler für die komplette Handlung)

Habt ihr das Buch gelesen oder habt ihr gar kein Interesse daran?

Kommentare:

  1. Hallo liebe Kerstin,
    als erstes RESPEKT!!! Wirklich hammer Rezension!
    Da ich totaler Biss-Fan war/bin, ja ich oute mit da gerne, meide ich das Buch. Hab mir zwar schon paar Mal überlegt das neue Buch zu lesen, aber ganz ehrlich? NEIN! Denn die Biss-Reihe soll für mich so in Erinnerung bleiben wie sie war, mit der nervigen Bella, dem melodramatischen Edward und dem heissen Jacob, und nichts weiter!
    Wenn ich mir deine Meinung dazu durchlese, befestigt es zu 100% meinen Entschluss!

    Ganz liebe Grüße
    ♥ Katha von Buecher_Bewertungen1 ♥

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    1. Hey,

      danke :)
      Ich fand die Reihe damals auch gut (vor allem Band 1), aber der 'Geschlechtertausch' hat für mich wie gesagt gar nicht funktioniert. Das Buch an sich fand ich nicht schlecht, aber das liegt eben daran, dass die Geschichte bis auf die letzten paar Kapitel genau die gleiche ist wie in "Bis(s) zum Morgengrauen" und die war eben gut^^ Dieser 'Tausch' ist daneben gegangen, das Buch kannst du dir wirklich sparen :)

      Liebe Grüße,
      Kerstin

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