Samstag, 30. April 2016

Rezension | "Jonathan Strange & Mr. Norrell" von Susanna Clarke

Bloomsbury Berlin | Hardcover | 1021 Seiten | 01. September 2004 | 978-3827005229
Originaltitel: Jonathan Strange & Mr Norrell (2004)

"Ich glaube, es ist keine Übertreibung, wenn ich behaupte, dass die Zukunft der englischen Zauberei von meinen Taten der nächsten Monate abhängt." // Seite 788

  
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Vor vielen Jahrhunderten gab es in England noch Magie. Jetzt, zu Beginn des 19. Jahrhunderts, glaubt niemand mehr an wirkliche Zauberei. Bis der zurückgezogen lebende Mr. Norrell aus Hurtfew Abbey auftaucht und die Statuen der Kathedrale von York sprechen und tanzen lässt. Die Nachricht über dieses Ereignis verbreitet sich, und Mr. Norrell geht nach London, um der Regierung im Krieg gegen Napoleon zu helfen. Dort trifft er Jonathan Strange, einen brillanten jungen Zauberer, den er als Schüler aufnimmt. Die beiden begründen eine neue Tradition englischer Magie. Doch bald wird aus der Partnerschaft Rivalität ...

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Susanna Clarke wurde 1959 in Nottingham geboren. Nach ihrem Studium in Oxford unterrichtete sie Englisch in Turin und Bilbao. Von 1993 bis 2003 arbeitete sie als Kochbuchlektorin bei Simon & Schuster. Gleichzeitig schrieb sie ihren ersten Roman, "Jonathan Strange & Mr. Norrell". Sie lebt in Cambridge.


Teil 1 - Mister Norrell | 22 Kapitel
Teil 2 - Jonathan Strange | 22 Kapitel
Teil 3 - John Uskglass | 25 Kapitel

Die Geschichte wird von einem scheinbar allwissenden Erzähler wiedergegeben, doch es gibt einige Sätze, in denen ein "Ich" seine Meinung einwirft oder "seine Leser" anspricht.


Ich hatte sehr hohe Erwartungen an "Jonathan Strange & Mr. Norrell". Das Buch schien ganz nach meinem Geschmack zu sein - es spielt in der Vergangenheit (1807-1817) und dazu noch in England, hat aber eine sehr interessante alternative Geschichte voller Magie. Eine Mischung aus Geschichte und Fantasy klang für mich sehr vielversprechend und ich war wirklich gespannt... nur um dann enttäuscht zu werden.

Der Einstieg hat mir sehr gut gefallen. Im Gegensatz zu vielen anderen Lesern, die den Anfang schwierig fanden, war ich schon zu Beginn gefesselt. Die Stimmung erinnert definitiv an die damalige Zeit und das World Building war unglaublich gut. Clarke hat die alternative Geschichtsschreibung, in der die Magie in England schon immer eine große Rolle spielte, interessant dargestellt (ich hätte gerne mehr davon gehabt) und auch in den Fußnoten faszinierende Informationen untergebracht, zudem wurde Magie in sehr kreativen Arten angewandt und auch die Theorie dahinter beschrieben. Die Charaktere wurden ebenfalls ausgiebig vorgestellt, sodass man genau weiß, worum es geht und wer die Akteure in Clarkes Erzählung sind. Der Schreibstil war zwar sehr ausufernd und ein bisschen komplex, aber durchaus angenehm zu lesen und zur Geschichte passend; besonders die detaillierten, wunderbaren Beschreibungen haben es mir angetan, vor allem in Bezug auf die fantastischen Elemente. So werden beispielsweise Augen mit saurer Milch verglichen, es gibt es singende Kleider und Käferhaare, Farben werden in Verbindung mit Empfindungen beschrieben, ... alles ist sehr bildhaft und eindringlich dargestellt, sodass ich die Welt(en), die die Autorin erschaffen hat, ebenso wie die Figuren gut vor Augen hatte.
Auch Spannung war durchaus da. Schon früh in der Geschichte gibt es düstere und geheimnisvolle Elemente wie unsichtbare Wälder, die einfach aus dem Nichts heraus wachsen, plötzlich auftauchende Zimmer und Körperteile als Preis in einem Handel. Ich war wirklich fasziniert und vor allem die Nebenhandlung rund um die Elfen war für mich sehr interessant, sodass ich mich auf 1000 Seiten Lesespaß gefreut habe.

Leider begann die Geschichte dann nach etwa 150/200 Seiten, sich in die Länge zu ziehen. Unwichtige Ereignisse, wie verschiedene Teepartys, die Mr. Norrell besucht, aber auch die Kriegshandlungen in Spanien, wurden viel zu ausführlich geschildert. Der detailverliebte, ausufernde Schreibstil, der mich zu Beginn nicht gestört hatte, konnte fast schon als langatmig bezeichnet werden und die Handlung ging nur sehr, sehr langsam voran und ich hatte das Gefühl, dass nichts (beziehungsweise nichts relevantes) mehr passierte. Die theoretischen Abhandlungen um Magie waren nun viel zu ausführlich und nahmen zu große Teile der Handlung ein, während die durchaus interessanten Ansätze und gerade auch die Geschichte um die Elfen viel zu kurz kamen. Die verschiedenen Handlungsstränge wurden einfach nicht wirklich vorangetrieben.
Auch die Fußnoten waren in ihrer Häufigkeit nicht unproblematisch. Zwar enthielten sie interessante Informationen, aber da sie teilweise sehr lang waren und sich über mehrere Seiten zogen, lenkten sie auch von der Hauptgeschichte ab.

Hinzu kam, dass ich zu den Protagonisten keine wirkliche Verbindung aufbauen konnte. Die beiden sind zwar gut charakterisiert, haben große Schwächen (die beiden werden an einer Stelle als "Furchtsamkeit und Hochmut" betitelt und das ist definitiv passend) und wirken deshalb real, aber beide sind auch oft ziemlich unsympathisch. Ich habe sie nicht gehasst, aber ihr Schicksal war mir relativ egal und auch deshalb hatte ich Probleme, ihrer Geschichte zu folgen.

Ich muss ehrlich zugeben, dass ich mich gerade durch den zweiten Teil der Geschichte durchkämpfen musste. Die Handlung ging einfach nicht voran und die Figuren waren mir egal, also war ich trotz einiger sehr guter Ansätze und des tollen Schreibstils nicht wirklich motiviert, weiterzulesen. Durchgehalten habe ich eigentlich nur, weil ich das Buch mögen wollte und hoffte, dass es noch zu einer Wendung kommen würde.
Ich bin aber froh, dass ich nicht aufgegeben habe - das letzte Drittel war nämlich um einiges besser als die Mitte. Die Geschichte wurde noch einmal spannend; sie verdichtet sich und die Handlungsstränge laufen zusammen. Im Prinzip kann man alles davor als Einführung betrachten - eine Einführung, die viel zu lang war. Meiner Meinung nach hätte man hier einiges straffen oder sogar ersatzlos streichen können und dann hätte mir das Buch viel besser gefallen.


"Jonathan Strange & Mr. Norrell" ist insgesamt kein schlechtes Buch. Es ist sehr gut geschrieben und die Handlung an sich ist interessant, aber in der Mitte gibt es viele unnötige Längen und die Geschichte wäre besser gewesen, wenn es hier Kürzungen (oder mehr Handlung!) gegeben hätte. So hingegen haben mich nur der Anfang und das Ende überzeugt. Gerade das letzte Drittel hat das Buch für mich gerettet, sonst wäre meine Beurteilung schlechter ausgefallen.


"Sie trug ein Gewand in der Farbe von Stürmen, Schatten und Regen und ein Halsband aus gebrochenen Versprechen und Bedauern." // Seite 201 

"Stephen spürte, wie vorüberziehende Wolken stehen blieben; er spürte, wie schlafende Hügel sich regten und murmelten; er spürte, wie kalte Nebel tanzten." // Seite 619

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