Sonntag, 4. September 2016

Rezension | "Die Frau, die allen davonrannte" von Carrie Snyder

btb | eBook | 352 Seiten | 13. Juni 2016 | 978-3-641-16538-3

"Es ist leichter, etwas loszulassen, das man nie gehabt hat", erklärt mir meine Mutter. 
Ist es das?" // eBook Seite 247
 
Als zwei junge Leute auftauchen, um sie zu interviewen, sagt sie bereitwillig zu. Trotz ihrer Gebrechlichkeit sehnt sie sich nach Abenteuer. Und auch wenn ihre Erfolge weitestgehend in Vergessenheit gerieten, erinnert sie selbst sich noch sehr genau daran. Als junge Läuferin gewann sie eine Goldmedaille bei den Olympischen Spielen. Es war ein revolutionärer Sieg, Frauen durften in dieser Kategorie zum ersten Mal teilnehmen. Doch so sehr Aganetha sich bemühte, vor ihrer Vergangenheit konnte sie nicht davonlaufen – ebenso wenig wie vor den Konventionen ihrer Zeit. 

Carrie Snyder erzählt in ihrem Roman Die Frau, die allen davonrannte mehrere Geschichten auf einmal. Es gibt viele Handlungsstränge, die nacheinander oder nebeneinander laufen, viele die zusammenhängen, kompliziert sind, bewegen, berühren und die die Hauptprotagonistin Aganetha Smart zu der gemacht haben, die sie heute ist: Eine alte Dame, 104 Jahre alt, Olympiasiegerin von 1928. Die verschiedenen Geschichten sind sehr komplex aufgebaut und werden in zwei Zeitsträngen erzählt: Heute und damals.

Auf der einen Seite ist da die junge Aganetha; sie hat eine große Familie, ist aufgewachsen mit Tod, Verlusten, zwei Weltkriegen und Prüfungen, die sie schon als kleines Mädchen prägten. Dann ist da die ältere Aganetha; von zuhause weggezogen, verliebt in einen anderen Athelten, Olympiasiegerin. Die Verbindung der beiden Geschichten in der Gegenwart bringt Kaley – eine junge Läuferin, die die 104-Jährige aus dem Altenheim entführt, die sich für Aganethas Leben interessiert, alles wissen und erfahren möchte um selbst eine erfolgreiche Sportlerin zu werden.

Das alles klingt natürlich wahnsinnig emotional und berührend, schließlich hat die Hauptprotagonistin einiges erlebt, viel Unglück überstanden, hart trainiert und lange gekämpft – wohl bemerkt in einer Zeit, in der Frauen nicht denselben Status hatten wie heute. Der Stammbaum der Familie Smart am Anfang des Buches ließ schon darauf schließen, dass die Familie stark beleuchtet wird, dass ein durchgängiges Folgen der Ereignisse aufgrund vieler Charaktere schwierig sein würde. Und genauso war es für mich auch.

Es gibt viele Zeitsprünge, deren genaue Ordnung und Bedeutung für mich nicht wirklich erkennbar waren und das Buch für mich auch komplizierter machten, als es unbedingt notwendig gewesen wäre. Der rote Faden wurde beeinträchtigt, Spannung ging verloren und Emotionen blieben leider nur oberflächlich.

Trotzdem ist Die Frau, die allen davonrannte ein wunderschönes Buch, das einen nachdenklich zurücklässt. Mich vor allem, da ich es zur Zeit der Olympischen Spiele in Rio gelesen habe. Heute ist es selbstverständlich, dass Frauen bei verschiedenen Disziplinen antreten; auch 800 m Laufen. Aganetha war stark, diszipliniert und scherte sich nicht um Konventionen oder Traditionen. Und genau als solche wurde sie auch von mir wahrgenommen. Eine sehr starke, wundervoll umgesetzte Hauptprotagonistin.

Carrie Snyders Schreibstil hat mir im großen und ganze gut gefallen. Vom Stil her ließ sich das Buch flüssig und leicht durchlesen. Allerdings war ich auch oft verwirrt, weil für mich nicht immer deutlich wurde, wer gerade an einem Dialog beteiligt ist, wer was sagt. Die vielen Zeitsprünge haben diesen Eindruck noch verschlimmert.

Die Gestaltung des Buchcovers gefällt mir. Die Verbindung von Aganethas altem (dem Hof) und ihrem neuen Leben (die Läuferin) finde ich gut gewählt und ergibt nach dem Lesen umso mehr Sinn.

Die Frau, die allen davon rannte ist ein schönes Werk mit einer starken Botschaft, das leider in der Ausführung bezüglich Chronologie und Eindeutigkeit leicht schwächelt. Obwohl mir zwischendurch die Spannung und die Ordnung fehlten, konnte es mich aufgrund der starken Hauptprotagonistin sehr berühren.

 
 
"Vielleicht wollten wir ja dasselbe sagen, aber in die Luft zwischen uns buchstabiert, sieht es so verschieden aus, dass wir einander nicht trösten können." // eBook Seite 73/74

"Man tut, was man tut, bis man das Seine getan hat. Man ist, wer man ist, bis man nicht mehr ist." // eBook Seite 8

WERBUNG
Folgende Links kennzeichne ich gemäß § 2 Nr. 5 TMG als Werbung:


Habt ihr Die Frau, die allen davonrannte schon gelesen?
Oder steht es auf eurer Wunschliste?
Ich wünsche euch ein schönes Restwochenende!
-------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
Das Urheberrecht des Klappentextes unterliegt der Verlagsgruppe Randomhouse.
Das Urheberrecht des Titelbilds unterliegt einzig und allein der Blogredaktion.

Kommentare:

  1. Huhu,

    ich habe das Buch auch schon gelesen - mir hat es super gefallen. Ich fand es zwar manchmal echt schwer, die Zeiten auseinanderzuhalten, aber insgesamt war es eine schöne Geschichte.

    Ich habe euch übrigens getaggt bei "Mein SuB macht mir Angst...": http://buch-leben.blogspot.de/2016/08/mein-sub-macht-mir-angst-jasmin-packt.html Ich würde mich freuen, wenn ihr mitmacht :)

    Liebe Grüße
    Jasmin

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Jasmin,

      danke für deinen Kommentar :)
      Das Auseinanderhalten der Zeiten fand ich auch ziemlich schwer und war für mich auch ein Hauptpunkt für die Bewertung. Eine schönes Geschichte war es auf jeden Fall. Ich habe nicht bereut, das Buch gelesen zu haben! :)

      Ich werde mir deinen Tag mal anschauen.

      Liebste Grüße
      Julia

      Löschen