Dienstag, 10. April 2018

Rezension | "Träume, die ich uns stehle" von Lily Oliver

Knaur | Taschenbuch | 400 Seiten | 2. November 2017 | 978-3426518977

"Wenn ich nicht rede, fühle ich mich, als hätte ich eine Packung Rasierklingen verschluckt." // Seite 45
Lara kann nicht aufhören zu reden. Ein Zwang treibt die an Amnesie leidende junge Frau dazu, ihre Erinnerungslücken mit Worten zu füllen. Längst hört ihr keiner mehr zu, außer in den Therapiestunden, die sie als Patientin der Psychiatrie bekommt. Bis sie Thomas findet. Lara weiß, es ist falsch, ihre Verzweiflung über ihre Amnesie auf ihn abzuladen, denn Thomas liegt im Koma. Dennoch schleicht sie sich immer wieder zu ihm und bemerkt bald, dass er auf ihre Stimme reagiert. Lara beschließt, Thomas eine Geschichte zu erzählen: eine Liebesgeschichte zwischen ihr und ihm, die bald für beide realer wird als ihr Dasein im Krankenhaus. Ein Traum von Liebe, an den sich beide klammern und der die Kraft hätte, nicht nur Thomas aus der Dunkelheit zu holen, sondern auch Lara. Doch beide ahnen nicht, was für eine erschütternde Wahrheit in den Tiefen von Laras Geschichte auf sie wartet …

 
Bis zum Schluss war ich mir eigentlich sehr unsicher, wie ich dieses Buch bewerten soll. Mir ging es mit verschiedenen anderen Büchern zwar auch schon öfter so, aber ich war trotzdem hin und her gerissen, welche Bewertung und welche abschließende Meinung Träume, die ich uns stehle verdient hat. Ich habe mir sogar eine Art Pro- und Contra-Liste erstellt, um mir die positiven und negativen Aspekte des Buches nochmal in Erinnerung zu rufen. Daher hoffe ich, dass ich zu einer guten, objektiven Rezension gefunden habe und das Buch die richtige Einschätzung von mir erhält.

Zuerst einmal zu den positiven Dingen an diesem Buch: Die Geschichte ist wunderschön geschrieben. Sie hat mich zwar nicht an allen Stellen überzeugen können, aber im Großen und Ganzen ist der Plot glaubwürdig, mitreißend und an vielen kleinen Stellen sehr dramatisch. Die Autorin hat es meiner Meinung nach mühelos geschafft, dass ich mich sowohl in Thomas, als auch in Lara hineinversetzen konnte, obwohl Lara teilweise ein eher schwieriger Charakter ist. Ich persönlich finde es von Autoren immer ausgesprochen mutig, Figuren zu erschaffen, die dem Leser sehr leicht durch eine Behinderung oder eine psychische Krankheit auf die Nerven fallen können. Ich hatte diese Probleme mit Lara allerdings nicht. Sie ist stellenweise definitiv schwierig und anstrengend, aber trotz allem erschien sie mir wie eine sehr liebenswürdige Figur, die auf der Suche nach der Wahrheit, nach ihrer Vergangenheit und nach ihrer Persönlichkeit oft an ihre Grenzen getrieben wird. Ich wollte sie unbedingt vor all dem beschützen und ihr helfen, so dass ich eine riesige Geduld ihr gegenüber mitgebracht habe und viele Aussetzer ignorieren konnte. Wobei ich mir auch vorstellen kann, dass es vielen Lesern nicht ganz so leichtgefallen ist, wie mir.

Zum anderen hat mir gefallen, dass Träume, die ich uns stehle mal eine andere Art von Liebesgeschichte erzählt. Es ist nicht das typische zarte Verliebt sein, das Zusammenkommen, das Drama, die Trennung und dann das Zusammenreißen zum Schluss, damit der Leser sein Happy End bekommt. Die Geschichte an sich ist schon anders sowie oftmals sehr bedrückend und ich würde auch nicht von "wunderschöner" Liebesgeschichte sprechen. Sie ist interessant, sie ist etwas anderes und sie ist auch ausgesprochen berührend – sie weist aber nicht die typischen Elemente einer Liebesgeschichte auf und das sollte dem Leser auch im Vorhinein klar sein.

Außerdem haben mich die zusätzlichen Facetten der Geschichte angesprochen. Mich hat es sehr fasziniert, mehr über die Psychotherapie zu erfahren, über Skills und Laras Krankheit, genauso wie über die "Erfahrungen" eines Komapatienten. Lily Oliver beschreibt es meiner Meinung nach sehr schön, wie Thomas auf Laras Geschichten reagiert, welche konfusen und verwirrenden Gedanken ihm durch den Kopf gehen und wie er jederzeit versucht, sich ins Bewusstsein zurückzukämpfen. Dass er nicht aufgibt, dass er Lara hört und dass ihm all das hilft, nicht vollkommen im Koma zu versinken. Dadurch, dass man nicht nur Laras aktuelle Lage erfährt, sondern auch durch Thomas eigene Kapitel seine Gefühlswelt betrachten kann, fand ich die Geschichte ausgesprochen emotional und berührend.

Gestört hat mich an dem Buch allerdings, dass ich des Öfteren den roten Faden verloren habe. Dadurch, dass Lara selbst nicht wirklich weiß, was in ihrer Vergangenheit geschehen ist, weiß es der Leser leider ebenfalls nicht. Das machte die Geschichten, die Lara Thomas an seinem Krankenbett erzählt, für mich sehr verwirrend, weil sie das Fiktive mit ihrem Wissen über sich selbst und über Thomas (über seinen Blog) verwebt und ich als Leser nicht wirklich unterscheiden konnte, ob sie sich das jetzt ausgedacht hat, ob sie sich erinnert, ob es ihr wirklich passiert ist oder ob sie einfach nur eine Geschichte erzählt. Mich kostete es deswegen einiges an Anstrengung, den Kapiteln an Thomas Krankenbett zu folgen, was mich zunehmend frustriert hat, denn diese Geschichten machen einen Großteil des Buches aus.

Allerdings hat mir der Schreibstil und die Sprache genauso gut gefallen wie in "Die Tage, die ich dir verspreche". Ich bin auch durch dieses Buch geflogen, habe mich von den Emotionen der Figuren mitreißen lassen und habe bis zum Ende mitgerätselt, was wirklich mit Lara los ist – auch wenn die Geschichte meiner Meinung nicht so gut war und mich nicht so mitreißen konnte, wie in Lily Olivers vorher erschienenem Buch.

Wie bereits beschrieben, fiel es mir unglaublich schwer, mir eine Meinung zu Träume, die ich uns stehle zu bilden und diese auch zu formulieren. Im Großen und Ganzen hat mir der Plot sehr gut gefallen und die Autorin konnte ihre Buchidee auch weitestgehend überzeugend umsetzen. Trotzdem fiel es mir an einigen Stellen schwer, der Handlung zu folgen, weil mir ein starker roter Faden gefehlt hat. Deshalb vergebe ich dem Buch 3,5 Sterne und spreche trotz meiner Kritik eine Leseempfehlung aus, denn Lily Oliver hat ein gutes Buch abgeliefert.


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Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar.
Habt ihr Träume, die ich uns stehle schon gelesen?
Steht es auf eurer Wunschliste?
Ich wünsche euch einen schönen Tag!

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Das Urheberrecht des Klappentextes unterliegt dem Knaur Verlag.
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